Die Architektur der Erinnerung von Sigrid Sigurdsson

Von Martina Pottek

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Sigrid Sigurdsson, Architektur der Erinnerung, Installation im Osthaus Museum Hagen. Fotos: Achim Kukulies, Düsseldorf

Die Architektur der Erinnerung ist das Hauptwerk der "Offenen Archive" Sigrid Sigurdssons. Es kann zugleich als die zentrale Arbeit der Künstlerin bezeichnet werden, in der sich einzelne Werkkomplexe aus unterschiedlichen Werkphasen zusammen mit den Beiträgen zahlreicher Autorinnen und Autoren zu einem vielschichtigen und vielteiligen Konstrukt verdichten. Es handelt sich um eine archiv- und bibliotheksähnliche Rauminstallation, die seit 1988 zum Kern der zeitgenössischen Sammlung des Osthaus-Museums in Hagen gehört. Sie wurde beständig verändert und erweitert und wurde bis 2006 unter dem Titel "Vor der Stille" im oberen Stockwerk des Altbaus präsentiert. Zwischenzeitlich ausgelagert, ist die Arbeit seit der Wiedereröffnung des Osthaus-Museums im August 2009 nun wieder unter dem neuen Titel "Die Architektur der Erinnerung – Das Museum im Museum" an zentraler Stelle im Erdgeschoss des Altbaus zugänglich.

Der ca. 180 m² große und ca. 6 m hohe Raum ist an den Wänden mit offenen, mahagonibraunen Regalen ausgestattet, in deren Fächern eine unüberschaubare Anzahl von Büchern, Folianten, Mappen und ca. 200 kleinen Vitrinen lagern. Den Grundstock bildet die ursprüngliche Sammlung von "Vor der Stille", in deren Folianten und Vitrinen insgesamt mehrere Tausend Schriftstücke, private Briefe, amtliche Formulare, Bücher, Zeitungen, Alben, Fotografien, Fundstücke und alltagsgeschichtliche Objekte enthalten sind. Die meisten dieser Materialien stammen aus der Zeit des Nationalsozialismus oder sie thematisieren diese Geschichte. Es finden sich aber auch Relikte aus den vorangegangenen und nachfolgenden Jahrzehnten. Das älteste Objekt, eine Ausgabe der Werke Ciceros, datiert aus dem 16. Jahrhundert. Die Materialien wurden von der Künstlerin seit über 40 Jahren aus antiquarischen Beständen und privaten Nachlässen gesammelt und zusammengestellt. Allein dieser Komplex birgt eine riesige Ansammlung von Relikten, Fragmenten und Spuren, die von menschlichen Schicksalen und deren Verstrickung in die Geschichte erzählen.

Einen weiteren Komplex der Arbeit bilden 800 so genannte Reisebücher, die seit 1993 von interessierten Besucherinnen und Besuchern für eine bestimmte Zeit ausgeliehen und nach eigenen Vorstellungen gestaltet werden können. Nach Ablauf der Zeit sollen die Bücher wieder an die "Architektur der Erinnerung" zurückgegeben werden. Dort sind sie in den offenen Fächern einer Regalwand untergebracht und können auf Wunsch herausgenommen und betrachtet werden. Ca. 600 Autorinnen und Autoren aus aller Welt sind bislang an dem Projekt beteiligt.

Die Mitte des Raumes wird von zwei alten, musealen Vitrinenschränken dominiert, in denen 366 Bücher und Objekte aus dem Geschichten-Zyklus "Das Wunderknäuel" ausgestellt sind, an dem die Künstlerin seit 1961 arbeitet. Die Bücher werden so präsentiert, dass Einblicke in ihr Inneres gewährt werden, ohne dass sie – wie die meisten anderen Objekte in dem Raum – zugänglich sind. Die Lektüre einzelner Geschichten wird durch gedruckte Auszüge auf Kartonbögen ermöglicht, die auf Ablagen an den Vitrinenschränken und einem eigens dafür angefertigten Tisch ausgebreitet sind. In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Vitrinenschränken mit dem Märchenzyklus ist ein weiterer Tisch platziert. Seine eingefasste Tischplatte ist mit 1700 farbigen oder mit Buchstaben gekennzeichneten Würfeln bestückt und bespielbar. Weitere Elemente befinden sich in zwei Schubladen sowie in zwei großen, schwarzen Boxen unter dem Tisch. Der Spieltisch ist nicht nur ein Instrument, das die Besucher zur Interaktion herausfordert, sondern er verbildlicht in nuce auch die Struktur der "Architektur der Erinnerung". Denn so, wie die beweglichen Spielsteine auf dem Tisch keiner festen Ordnung unterliegen und unendliche Variationsmöglichkeiten bieten, so sind auch die einzelnen Bücher und Elemente in den Regalen keiner archivarischen Ordnung unterworfen. Für viele Besucher überraschend und ungewohnt ist dabei die Tatsache, dass bis auf wenige Ausnahmen fast alle Bestandteile der Arbeit bewegt, betrachtet oder benutzt werden dürfen. Aber im Gegensatz zu herkömmlichen Archiven oder Bibliotheken gibt es keinen systematischen Katalog, der ein gezieltes Auffinden möglich macht. Welche Elemente hervorgeholt und benutzt werden, hängt allein vom zufälligen Zugriff der Benutzer ab. Dieses System richtet sich also in übertragenem Sinne nicht nach den Maßstäben der linearen Historiographie, sondern nach der Willkür der subjektiven Erinnerung. Die Fragmente und Versatzstücke in den Vitrinen und Folianten vermitteln keine kohärente(n) Geschichte(n) und kein abgeschlossenes Geschichtswissen, sondern sie fungieren als Anhaltspunkte und Impulsgeber, an denen sich die Erinnerung und die Phantasie der Besucher entzünden und mit vorhandenem Geschichtswissen verbinden kann. In diesem Sinne kann die "Architektur der Erinnerung" auch als eine Metapher oder ein Modell für das Gedächtnis mit all seinen unterschiedlichen Dimensionen und Funktionen verstanden werden.

Dass in dem übergreifenden System der Architektur auch die Perspektive der Wissenschaft nicht ausgeklammert bleibt, sondern bewusst als Meta- und Reflexionsebene einbezogen wird, belegen drei weitere Komplexe der Arbeit. Die Datenbank "Deutschland – Ein Denkmal – Ein Forschungsauftrag" wurde von Sigrid Sigurdsson bereits 1996 konzipiert und in Auftrag gegeben. Ausgangspunkt des Projekts war die Beobachtung der Künstlerin, dass in der Forschung bis 1996 keine umfassende Übersichtskarte existierte, die das nationalsozialistische Lager- und Haftstättensystem als Übersichtsbild darstellte. Sigurdsson erteilte daher zunächst einer Historikerin den Auftrag, sämtliche in der Literatur nachgewiesenen Lager, Haft- und Internierungsanstalten des NS-Regimes auf einer Karte in den Grenzen von 1937 zu markieren. Ab 1998 wurde die Arbeit vom Osthaus-Museum grundlegend überarbeitet und digitalisiert. Diese digitale Fassung wurde 2009 noch einmal überarbeitet und ist seit der Wiedereröffnung des Museums in den Raum integriert. Ergänzt wird diese Datenbank von zwei wissenschaftlichen Präsenzbibliotheken zu den Themen ‚Nationalsozialismus’ und ‚Gedächtnis und Erinnerung’. Zielsetzung der Bibliotheken ist es, zusätzlich zu der wissenschaftlich fundierten Kartografie von "Deutschland – ein Denkmal" einen weiteren wissenschaftlichen Referenzrahmen für die Materialien und Werkkomplexe innerhalb der "Architektur der Erinnerung" zur Verfügung zu stellen.

Förderer und Schirmherr der "Architektur der Erinnerung" ist Dr. Michael Otto, Hamburg. Kuratorin: Dr. Birgit Schulte, Osthaus Museum Hagen.

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Deutschland - ein Denkmal in der Architektur der Erinnerung, Installation im Osthaus Museum Hagen. Fotos: Achim Kukulies, Düsseldorf

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